Ein Ort zum sterben.

 

Kopfhörer an, Welt aus. Nun gibt es nur noch die Stimme des Tourguides und mich mit meinen Gefühlen. Obwohl wir als Gruppe gekommen sind, ist jeder für sich allein. Niemand spricht, nur die Stimme aus den Kopfhörern. Manchmal höre ich die kleinen Steine unter meinen Schuhen.

 

Allein dieses Schild zu sehen… „Arbeit macht Frei“

 

Ich bin angekommen und fühle ein bedrängtes Gefühl in meiner Brust. Das Schild mit Totenkopf warnt vor dem sicheren Tod. Es ist so absurd! Wir gehen weiter an den hohen, roten Häusern vorbei, den Baracken. In meiner Vorstellung waren sie anders, kleiner. Die Stimme gibt uns weiter en Weg vor. So viele Baracken. Wie ist das nur möglich? Hier haben echte Menschen gelebt! Und heute ist es nur noch eine Touristenattraktion… zum Glück. 27 Baracken mit damals hunderten von Menschen. Heute gehen nur einige Gruppen durch das Lager.

 

Wir gehen von Haus zu Haus, von Baracke zu Baracke.

 

Langsam wird die Vorstellung, die ich immer von diesem Ort hatte von der Wirklichkeit verdrängt. Ich höre Erzählungen von Überlebenden und kann diese kaum glauben. Ein Priester, der sich für einen anderen Mann geopfert hat und tagelang hungern musste. 12 Männer, die erhangen wurden, da sie anderen zur Flucht verholfen hatten.

 

Danke Lily, das durch die Bilder, die du gefunden hast, die Geschichte der Überlebenden weiter erzählt werden kann.

 

Ich sehe abgemagerte Frauen, ängstliche Kinder und lachende Nazis, sie stechen mir ins Auge. Wie kann man stolz und glücklich über den Tod anderer Menschen sein? Die Kinder, so viele Kinder.

 

Ein paar Tränen laufen meine Wange herunter während ich, von der Stimme geleitet, weiter durch den Raum schwebe. Ja ich schwebe. Denn ich spüre meinen Körper nicht mehr, nur noch den Schmerz der Kinder, Frauen und Männer.

 

Im nächsten Raum starren mich die Gesichter der Gefangenen von allen Seiten an. Alles geht so schnell. Ich schaff es nicht einmal jeden anzusehen, ich schäme mich dafür.

 

Ich muss immer wieder an die Berge denken… Schuhe, Bürsten, Koffer. Jedes Paar Schuhe steht für einen Menschen, jede Büschel Haare wurde einer Frau entwendet. Aber warum?

 

Ich denke daran, wie viele Schuhe es wohl sein müssen. Ob ein einzelner Mensch so viele Schuhe besitzen kann? So viele Schuhe und so viele Leben.

 

Die Stimmer holt mich zurück in die Wirklichkeit und leitet mich weiter zur nächsten Baracke.

 

Eine Gedenkminute für all die Opfer der Todesmauer. Es fühlt sich zu kurz an. Selbst eine Minute für jeden Ermordeten wäre immer noch zu kurz Ich fühle mich allein in dieser Menschengruppe. Gedankenverloren folge ich ihnen.

 

Das Todesgebet, von jüdischen Kindern gesungen, wird von meinem Herzen aufgesogen. Es spendet mir Trost, obwohl ich die Sprache nicht verstehe. Im nächsten Raum brauche ich keine Untertitel, Deutsch ist auf den Propagandavideos zu hören. Ich bin wie erstarrt. Zum ersten Mal fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Ich kann mich nicht bewegen, schwimme im Strom der anderen.

 

Der Rest läuft wie ein Film an mir vorbei. Ich nehme nichts mehr war. Zuletzt die Gaskammer, für Hunderte, tausende Menschen der sichere Tod. Heute ist es nur ein Raum wie jeder andere, leer. Nur schwer kann man sich die Szenarien der Vergangenheit vorstellen.

 

Jetzt ist es auch schon vorbei. Für mich ein Weg, nicht länger als 1 Minute aber für die meisten ein Weg, er niemals endet.

 

Ich kann gehen, ich bin frei. Aber was unterscheidet mich von den anderen? Warum darf ich gehen? Warum müssen sie für immer bleiben? 

 

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